„Tradition mutig weiterdenken“
Landesobmann Peter Spanblöchl im ausführlichen BiT-Interview über die Bedeutung des Ehrenamts, Verantwortung gegenüber der Jugend – und was Blasmusik für ihn persönlich bedeutet.

Fotonachweis: Reinhold Sigl
BiT: Lieber Peter, du bist seit November 2025 der neue Landesobmann des Blasmusikverbandes Tirol. Mit welchen drei Worten würdest du die ersten Monate im Amt beschreiben – und warum gerade diese?
Peter Spanblöchl:
1. Resonanz
Vom ersten Tag an habe ich Rückmeldungen aus den Bezirken und Kapellen bekommen. Es ist wie in einer Kapelle: Man gibt einen Impuls und bekommt einen vollen, vielstimmigen Klang zurück. Die Begeisterung der über 16.000 Musikant:innen in Tirol ist der Resonanzboden, auf dem unsere Arbeit fußt.
2. Dynamik
Der Übergang war kein sanftes Anrollen, sondern ein Sprung in ein bewegtes Fahrwasser. Zwischen administrativen Weichenstellungen, den Vorbereitungen für das kommende Musikjahr und den vielen persönlichen Begegnungen gibt es keinen oder wenig Stillstand. Diese Dynamik ist fordernd, aber sie zeigt vor allem eines: Der Tiroler Blasmusikverband lebt und bewegt sich.
3. Verantwortung
Dieses Wort begleitet mich und macht mich auch nachdenklich. Die Blasmusik ist in Tirol kein bloßes Hobby, sondern eine tragende Säule unserer Identität und Gemeinschaft. Diese Tradition zu bewahren und gleichzeitig mutig in die Zukunft zu gehen – besonders in Hinblick auf die Jugendförderung und die Digitalisierung –, ist eine Aufgabe, der ich mit großem Respekt begegne.
Viele kennen dich als langjährigen Obmann der Stadtmusikkapelle Wilten. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit kannst du für die neue Aufgabe mitnehmen – und was gibt dir Kraft und Motivation?
Peter Spanblöchl: Aus meiner Sicht ist das Wesentlichste für Obfrauen und Obmänner ein offener Zugang auf alle Systempartner und Mitglieder. Dass vieles möglich ist und manches Zeit braucht, dass man sich durch Fehler nicht entmutigen lassen soll, weil sie zur Arbeit dazugehören, das sind wesentliche Erfahrungen aus meiner Zeit als Obmann der „Wiltener:innen“. Ich habe das Glück mit dem neuen Vorstand und den Bezirksfunktionär:innen unglaublich viele positive und engagierte Musikant:innen in meinem Umfeld zu haben. Diese positive Stimmung motiviert mich persönlich sehr und ich hoffe, dass das lange so bleibt.
Beruflich bist du als Landesleiter der Gewerkschaft für Pflichtschullehrer:innen tätig. Gibt es Parallelen zur Funktion als Landesobmann?
Peter Spanblöchl: Parallelen gibt es aus meiner Sicht in der Kurzfristigkeit mancher Situationen und Problemstellungen. Läuft etwas nicht rund, dann bekommt man das immer sehr unmittelbar und direkt mit. Sonst unterscheidet sich mein berufliches Tätigkeitsfeld schon erheblich von der Funktion als Landesobmann. Die Arbeit im Landesvorstand des Blasmusikverbandes Tirol ist im Gegensatz zu meiner beruflichen Tätigkeit eine gestaltende und das macht mir sehr viel Spaß.
Was unterscheidet aus deiner Sicht den Blasmusikverband Tirol von anderen Kultur- und Musikverbänden?
Peter Spanblöchl: Einzigartig macht den Blasmusikverband seine Vielfältigkeit und seine Vielseitigkeit. Es gibt wenig vergleichbare Verbände, die von einer sehr gut ausgebauten Jugendarbeit bis hin zu erfahrenen Musikant:innen und langjährigen Funktionär:innen eine solche Heterogenität haben. Bei den Angeboten an Veranstaltungen und Konzertkonzepten komme ich immer wieder ins Staunen. Als Verband zeichnet uns sicher eine sehr gute Struktur aus, die durch die Rückmeldungen von sehr umtriebigen und innovativen Vereinen kontinuierlich verbessert wird.
In welchen Bereichen siehst du aktuell den größten Handlungsbedarf innerhalb des Verbandes – und wie kann es gelingen, Tradition zu bewahren und gleichzeitig offen für neue Entwicklungen zu bleiben?
Peter Spanblöchl: Das ist eine zentrale Frage, denn ein Verband, der nur in der Vergangenheit schwelgt, verliert den Anschluss – und ein Verband, der seine Wurzeln vergisst, verliert seine Seele. Daher geht es darum, Tradition zu pflegen und Zukunft zu gestalten. Das schließt sich nicht gegenseitig aus. Ich sehe den größten Handlungsbedarf in drei Bereichen:
Jugendarbeit & Flexibilität: Wir müssen moderne Wege finden, junge Menschen für das Ehrenamt zu begeistern. Das gelingt nur, wenn wir starre Strukturen lockern und Freiraum für Kreativität lassen.
Entlastung durch Digitalisierung: Einen ersten Schritt dazu haben wir bereits gesetzt. Wesentlich finde ich, dass wir uns als Funktionär:innen gegenseitig nicht zu sehr mit Bürokratie belasten.
Musikalische Offenheit: Wir dürfen kein Museum sein. Tradition zu bewahren, bedeutet, unsere Werte wie Gemeinschaft und Identität zu schützen, während wir gleichzeitig mutig neue Konzertformate und moderne Literatur integrieren.
Kurz gesagt: Tradition ist für mich kein statischer Zustand, sondern ein Fundament. Wer sicher steht, kann sich auch weit hinauslehnen, um Neues zu entdecken.
Der Blasmusikverband Tirol besteht aus über 300 Mitgliedskapellen und rund 16.000 Musikant:innen. Wie kann die Vielfalt der Tiroler Kapellen – groß wie klein, in der Stadt wie auf dem Land – bestmöglich abgebildet werden?
Peter Spanblöchl: Starke Bezirke: Die Vielfalt der Tiroler Blasmusik wird nicht zentral in Innsbruck verwaltet, sondern in den Bezirken, den Gemeinden, den Stadtteilen gelebt. Wir versuchen den direkten Austausch zu stärken, damit die kleine Dorfkapelle dasselbe Gehör findet wie das große sinfonische Blasorchester. Es gibt kein „One size fits all“. Unsere Wettbewerbe und Bildungsangebote müssen so flexibel sein, dass sie sowohl musikalische Höchstleistungen als auch die wertvolle Breite unterstützen. Nicht als Gegensätze, sondern als Ausdruck der gleichen Leidenschaft. Wir versuchen unsere Plattformen zu nutzen, um die ganze Bandbreite zu zeigen – vom innovativen Crossover-Projekt bis zum traditionellen Platzkonzert. Ein großes Ziel ist es, dass jedes Mitglied spürt, dass der Verband seine spezifischen Herausforderungen versteht und wertschätzt.
2026 ist das „Jahr des Ehrenamts“: Welche Bedeutung hat das Ehrenamt für den Verband, und wie kann diese Wertschätzung im Alltag sichtbar gemacht werden?
Peter Spanblöchl: Das „Jahr des Ehrenamts“ 2026 ist für uns mehr als ein symbolisches Motto – es ist eine Chance, das unsichtbare Fundament unseres Verbandes ins Rampenlicht zu rücken. Ohne Ehrenamt gäbe es in Tirol keine einzige Marschausrückung, kein Platzkonzert und keine Jugendarbeit. Unsere 16.000 Musikant:innen leisten jährlich Millionen unbezahlter Stunden. Das ist kein bloßer Zeitvertreib, sondern sozialer Kitt und gelebte Identität. Wir möchten das Themenjahr nutzen, um die Geschichten hinter den Instrumenten zu erzählen. Wer sind die Menschen, die Probelokale pflegen, Noten sortieren und Feste organisieren? Schön wäre es, wenn am Ende des Jahres jeder Funktionär und jede Musikantin sagt: „Mein Einsatz wird nicht nur gebraucht, sondern auch gesehen und respektiert.“
Die Blasmusik ist eine der größten Jugendorganisationen des Landes. Welche Verantwortung trägt der Verband gegenüber jungen Musiker:innen – und was braucht es, damit Blasmusik auch für kommende Generationen attraktiv bleibt?
Peter Spanblöchl: Wir tragen hier eine doppelte Verantwortung: Wir vermitteln nicht nur musikalische Breite, sondern sind auch ein wenig Schule des Lebens. Im Probelokal lernen junge Menschen Teamgeist und das Miteinander der Generationen – Werte, die in unserer Gesellschaft seltener werden, aber gebraucht werden. Wir müssen die Jugend aktiv in die Gestaltung der Vereine einbinden. Wer mitentscheiden darf, identifiziert sich stärker mit dem Verein. Die Freizeitangebote sind heute riesig. Wir punkten durch Qualität in der Ausbildung und durch Gemeinschaftserlebnisse, die über das reine Musizieren hinausgehen. Wir müssen flexibel genug sein, um Ausbildung, Schule und Hobby unter einen Hut zu bringen. Wenn wir der Jugend auf Augenhöhe begegnen und Raum für eigene Akzente geben, bleibt die Blasmusik ein „cooles“ Hobby mit Tiefgang.
Welche Rolle spielt der Verband im gesellschaftlichen Miteinander – über die Musik hinaus?
Peter Spanblöchl: Unsere Kapellen sind mehr als reine Orchester – sie sind auch soziale Ankerpunkte. Im Probelokal sitzen die 12-jährige Schülerin und der 80-jährige Pensionist nebeneinander. Dieser Austausch auf Augenhöhe ist in unserer Gesellschaft selten geworden und baut Vorurteile ab. Eine Musikkapelle ist ein Ort bzw. sollte ein Ort sein, an dem Gemeinschaft gelebt wird. Man lernt, aufeinander zu hören, gemeinsam ein Ziel zu verfolgen und Verantwortung für das Ganze zu übernehmen. Darüber hinaus geben wir Gemeinden eine Stimme und ein Gesicht. Bei Festen, Prozessionen usw. schaffen wir den feierlichen Rahmen, der Menschen zusammenbringt und ein Gefühl von Zugehörigkeit stiftet. Wir produzieren nicht nur Töne, sondern auch sozialen Zusammenhalt. Die Blasmusik ist aus meiner Sicht sehr oft das Bindegewebe, das unsere Dörfer und Städte lebendig hält.
Zum Abschluss: Was bedeutet (Blas-)Musik für dich ganz persönlich?
Peter Spanblöchl: Für mich ist Musik weit mehr als nur ein Hobby oder ein Ehrenamt – sie ist ein zentraler Bestandteil meines Lebens und oft auch ein Ruhepol. Wenn ich das Instrument in die Hand nehme oder einem Orchester zuhöre, dann bin ich sehr oft nur in diesem Moment. Am Klavier kann ich persönlich sehr gut abschalten, da bekomme ich den Kopf frei. Musik ist die einzige Sprache, die jeder versteht, ohne Vokabeln lernen zu müssen. Sie verbindet Menschen über alle Grenzen hinweg und ist in der Lage, Emotionen zum Ausdruck zu bringen und uns auf eine Weise zu berühren (positiv und negativ), wie es durch Sprache kaum gelingt. Blasmusik bedeutet für mich aber auch Heimat. Ein Gefühl von Geborgenheit und positivem Stolz auf unsere Tiroler Kultur. Es ist diese Mischung aus höchster Konzentration beim Spielen und der herzlichen Geselligkeit nach der Probe, die für mich die Faszination ausmacht.

Fotonachweis: BVT
